Waren Künstlerinnen und Künstler nicht einmal freie Geister, und nichts und niemandem verpflichtet außer ihrem Inneren, dem sie in ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen suchten? War nicht gerade die Authentizität das Maß aller Dinge, und Garantie dafür, dass KünstlerInnen ihrem ureigenen Antrieb folgten – gänzlich unbeeinflusst von äußeren Zwängen oder Ansprüchen?

Gewiss, man hat Aufträge, aber diese setzen häufig nur äußere Rahmenbedingungen und verlangen höchst selten eine inhaltliche Einmischung von Geldgebern bei der Realisierung eines Kunstprojekts. Schließlich heißt es ja im Grundgesetz der BRD: Kunst ist frei. Und weiter: Eine Zensur findet nicht statt.

Dies scheint sich allerdings in den vergangenen 15 Monaten geändert zu haben. Als sich namhafte SchauspielerInnen zu einer Aktion verabredeten, in Form kurzer Videos ihre Kritik an gewissen Regierungsmaßnahmen darzustellen – für jedermann klar als ironische Zuspitzung und damit als künstlerisches Stilmittel erkennbar -, sahen sie sich nicht nur einem Shitstorm der Medien ausgesetzt, sondern auch herablassender Kritik aus den eigenen Reihen, schließlich sogar von Intendanten, die ihnen einen Ende der Zusammenarbeit androhten.

Wenn die Intendanten auch gleich wieder (mit dem von ihnen selbst verursachten Gegenwind) zurückruderten und bekannten, etwas über das Ziel hinausgeschossen zu sein, so war die Botschaft an die KünstlerInnen doch unmissverständlich: Hütet euch, etwas gegen die Regierung zu sagen! Sonst müsst ihr um eure ohnehin prekäre Existenz fürchten! Die Botschaft wurde erhört: Weitere Initiativen dieser Art sind nicht bekannt.

Solch unverhohlenen Drohungen bin ich als Musiker in 20 Jahren Freiberuf noch niemals begegnet. Ich habe nicht einmal von dergleichen gehört. Gewiss ist unsereins leicht erpressbar, weil wir es nicht auf Geld abgesehen haben, sondern die Motivation unserer Kunst reiner Idealismus ist. Das Geld ist – zugegebenermaßen – unser wunder Punkt, was auch kein Geheimnis ist. Aber dass man es wagen würde, hier Druck auszuüben, wenn KünstlerInnen Regierungskritik üben – solches kenne ich nicht von meiner BRD, sondern eher aus sozialistischen Ländern – welche von unserer „offenen Gesellschaft“ immer noch einhellig dafür kritisiert werden.

Mao, der Große Vorsitzende, der China in den Jahren 1966-1976 einer „Kulturrevolution“ unterzog, hat 1942 gesagt: „In der gegenwärtigen Welt ist jede Kultur, jede Literatur und Kunst an eine bestimmte Klasse und eine bestimmte politische Linie gebunden. Eine Kunst um der Kunst willen, eine über den Klassen stehende Kunst, die neben der Politik herläuft oder von ihr unabhängig bleibt, gibt es in Wirklichkeit nicht.“

Wollen wir dieser Lesart von der Rolle der Kunst wirklich zustimmen? Dann müssten wir uns auch eingestehen, dass wir die letzten zwei Jahrhunderte – etwa seit Beethoven – auf dem Holzweg waren. Vielleicht sollten wir wirklich wieder demütiger werden und an Königshof und Kirche unsere treuen Dienste verrichten. Oder, da diese Herrschaften nicht mehr über wirkliche Macht verfügen, sollten wir uns besser den neuen Herren andienen: Konzernen und Regierungen – in genau dieser Reihenfolge.

Es gibt schon in dieser Hinsicht sehr fortschrittliche KünstlerInnen, die das begriffen haben und in ihren Songs, Videos und auf Plakaten für die gute Sache werben: für das Zuhausebleiben, für das Masketragen, das Ärmelhochkrempeln. Anne Sophie Mutter geht hier mit gutem Beispiel voran. Weitere „Impffluencer“ werden folgen – sie sind zur Zeit gesucht und gefragt.

Dann hätten wir es ja endlich geschafft: Kunst und Kultur ist systemrelevant! Endlich können wir einen produktiven Beitrag zur Stablisierung des von uns so oft und nicht immer zu Recht kritisierten Systems leisten – wir, die wir neuerdings dem „Unterhaltungs- und Freizeitsektor“ zugeordnet sind, also dem verzichtbaren Vergnügen und nicht etwa der Produktion von Sinn.

Wenn wir dies also verstanden haben – dass wir uns, um überleben zu wollen, in den Dienst der (Pharma-) Konzerne und Regierungen stellen müssen, und wir uns entschließen, genau dies zu tun – dürfen wir dann endlich wieder spielen?

Dies scheint ja die große Hoffnung all jener zu sein, die sich dafür stark machen, dass der Zustand der Pandemie-bedingten Einschränkungen schnellstmöglich beendet wird – um nahezu jeden Preis. Doch: wie hoch ist der Preis wirklich? Und: ist die Hoffnung wirklich berechtigt? Oder: ist es nicht vielmehr Wunschdenken?

Diese Frage scheint mir die alles entscheidende zu sein. Ich werde den Versuch einer Antwort wagen.

Voraus: Ich möchte mich unter keinen Umständen auf das Glatteis begeben, eine medizinische Einschätzung der Lage zu geben. Aber es scheint mir auch nach wie vor herzlich wenig gesicherte Erkenntnisse über die Gefährlichkeit der aktuellen Viren der neuartigen Impfstoffe zu geben. Je nachdem, wo man sich informiert (etwa welchem Virologen man zuhört), kommt man zu gänzlich unterschiedlichen Einschätzungen der Lage und der anzuwendenden Maßnahmen.

Auch im Ländervergleich ist es nicht anders: es gibt Länder mit strengen Maßnahmen (China, Vietnam) und eher lockeren (Schweden, Dänemark). In Deutschland scheint man sich dafür entschieden zu haben, eher dem chinesischen Weg als dem schwedischen zu folgen. Warum eigentlich?

Eine vielfach geteilte Meinung besagt, dass die gegenwärtigen multiplen Krisen von autoritären Regierungen viel besser bewältigt werden könnten als von demokratisch-freiheitlichen Gesellschaften. Und dass sich manche Probleme globaler Natur ohnehin nur global lösen lassen, am besten von einer globalen Regierung, wird auch von vielen akzeptiert.

Welcher Art eine solche Globalregierung sein wird, darüber darf hier allerlei vermutet werden. Doch schon jetzt empfehlen sich für diesen Posten überstaatliche Gremien, allen voran das WEF (Weltwirtschaftsforum), das im Gegensatz zur UNO den klaren Vorteil hat, aus mächtigen multinationalen Konzernen zu bestehen und –in zweiter Linie – den Staatschefs der Welt, die ihre jährlichen Treffen in Davos besuchen. Zu den Konzernen zählen selbstverständlich die wertvollsten Unternehmen der Welt – allem voran Digitalkonzerne, die wir seit zwei Jahrzehnten mit allen denkbaren persönlichen Daten über uns gefüttert haben, und welche nun daher in der Lage sind, eine globale Überwachungsarchitektur einzurichten, die alles in den Schatten stellt, was man sich bisher vorstellen konnte – selbst wenn man Orwell oder Huxley hieße …

Hier sei anzumerken, dass namentlich Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft in den letzten 10 Jahren durch Zukäufe von Start-Ups und Fusionen (vgl. Wikipedia: mergers and acquisitions) massiv in Überwachungstechnologie investiert haben. Die „coolen“ Techkonzerne aus dem Silicon Valley haben uns im Vordergrund unterhalten und im Hintergrund aufgerüstet.

Auch der Impfpass ist fester Bestandteil dieser Bestrebungen: Er ist auch nicht etwas aus der Pandemie heraus geboren, sondern bereits seit 2010 geplant: als Komponente einer digitalen ID für BürgerInnen weltweit, die persönliche Daten mit Gesundheits- und Steuerdaten zusammenfasst, und ohne die man in Zukunft nicht mehr reisen darf. Oder Konzerte spielen. Oder Konzerte besuchen. Oder was fällt Ihnen noch ein, was eine Regierung Ihnen untersagen könnte, wenn ihr Ihre Einstellung nicht gefällt und sie über die entsprechenden Machtmittel verfügt?

Bisher hat das Bundesverfassungsgericht verhindert, dass es zu einer solchen Zusammenfassung von Bürgerdaten kommt. Es könnte nur sein, dass es dann gleich auf EU-Ebene durchgesetzt wird. Und wenn dann erst die Globalregierung kommt … Selbstverständlich wird dies alles durch den Sachzwang einer „pandemischen Notlage“ oder einem „Klimanotstand“ – oder was auch immer – glaubhaft begründet.

Schauen wir uns die Pläne des WEF, etwa unter dem Stichwort „Great Reset“ an, so sucht man fast vergeblich nach dem Wort „Kultur“. Sie wird zwischen allerlei Plänen zum Umbau der Wirtschaft in Richtung Digitalisierung und Nachhaltigkeit abgehandelt – in einem Absatz, unter „media, arts and entertainment“.

Die Kultur der Neuen Normalität ist digital und findet im Internet statt. Auf die Frage, wie man so als freischaffender Künstler existieren soll, hat das WEF keine Ideen, außer einem „digital tipping“ – einer Art digitalem Spendenhut, der nach einem Livestream herumgereicht wird und an dem sich PayPal noch bereichern kann.

Und was ist mit der versprochenen Rückkehr ins alte Leben, wenn endlich alle geimpft sind? Offenbar ist sie gar nicht geplant – und nicht gewollt.

Es kann sein, dass wir uns noch wundern werden. Im Nachhinein könnte die Pandemie zur Übung in globaler Kontrolle gedient haben (was nicht bedeutet, dass sie dazu gemacht wurde, lediglich dass sie dazu genutzt wurde), als „window of opportunity“ (Klaus Schwab), um die Einrichtung der globalen Überwachungsarchitektur zu beschleunigen.

Noch mehr werden wir uns wundern, warum wir uns nicht früher gegen diese Entwicklung gewehrt haben. Haben wir sie nicht kommen sehen? Oder haben wir sie gesehen und nicht ernst genommen? Oder haben wir sie zwar ernst genommen, uns aber so einschüchtern lassen, dass wir uns einfach nicht getraut haben?

Die Frage, ob unsere Hoffnung auf Normalität im Kulturbetrieb berechtigt ist und welcher Preis dafür zu zahlen wäre, kann also so beantwortet werden: Der Preis für die „Normalität“ wird die Totalüberwachung sein (Impfpass und Bürger-ID), und die „Normalität“ wird das Neue Normal sein, in dem Kunst und Kultur die Rolle spielt, an die wir uns jetzt schon gewöhnen dürfen: als verzichtbare Freizeit- und Unterhaltungsaktivität, die vornehmlich digital stattzufinden hat.

So sieht unsere Zukunft aus. Ich glaube allerdings, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Es wird jetzt einiges davon abhängen, ob wir bereit sind, unsere Stimme zu erheben und den Transformationsprozess mitzugestalten, in dem wir uns befinden.

Hierzu zwei Grundgedanken:

* Die ideale Regierungsform im Pandemischen Zeitalter ist nicht die autoritäre Weltregierung, sondern die Pandemokratie. Diese gilt es zu etablieren und gegen jeden Übernahmeversuch von seiten nicht legitimierter Organisationen multinationaler Konzerne und Oligarchen zu verteidigen.

* Der neuen globalen Regierung müsste eine Art Globaler Kultureller Aufsichtsrat an die Seite gestellt werden, der dafür Sorge trägt, dass die globale Gesellschaft nicht nur von Technokraten geprägt wird, sondern von einer Vielfalt von Persönlichkeiten, die in ihrer Ganzheit abbilden, was menschliches Leben lebenswert macht.

Man kann es für naiv halten, sich eine derart abgehobene Vorstellung von globaler Macht zu leisten, die auch noch gutartig sein soll. Allerdings zeigt sich gerade die Machtlosigkeit der Nationalstaaten. Die Fakten werden auf höherer Ebene geschaffen. Aber: auf dieser Ebene gibt es nicht nur multinationale Konzerne, sondern eben auch globale Kultur, Kunst, Musik, Religion, Philosophie, Weisheit und Bewusstsein. Eine Chance, die wir nicht vertun sollten.

Und damit zurück zu den Schauspielern, die für ihre regierungskritischen Äußerungen angegriffen wurden: Der Komponist Dmitri Schostakowitsch hat sich in seinen Werken immer wieder mit den Mitteln von Ironie und Sarkasmus gegen das stalinistische Sowjetregime ausgesprochen. Wer das verstehen wollte, hat verstanden. Für seine Symphonien wird er noch heute gefeiert, während seine Lobeshymnen auf Stalin und den Sozialismus (die er auch schreiben musste) in Vergessenheit geraten sind.

Vielleicht werden wir uns in Zukunft mehr an die künstlerischen Aktionen von „allesdichtmachen“ erinnern als an die Leistung jener „Impfluencer“, denen möglicherweise nicht bewusst ist, dass sie im Sinne eines Regimes handeln, das Kunst und Kultur unter dem Vorwand des Bevölkerungsschutzes abzuschaffen trachtet.

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