Impfen – ein Akt der Nächstenliebe

Ein Leserbrief an den Stern:

Von: Christian Nagel
Datum: Donnerstag, 31. Dezember 2020 um 12:09
An: Stern, Info
Betreff: Leserbrief zum Titelbild Ausgabe 53/20
 
Sehr geehrte Damen und Herren der „Stern“-Redaktion,
 
Auf dem Titelblatt Ihrer Weihnachtsausgabe wird die Geburtsszene Christi dargestellt, mit dem Unterschied, dass die drei Weisen aus dem Morgenland eine überdimensionierte Dosis Impfstoff darbringen. Was soll uns dieses Bild sagen? Dass das Heil nicht durch Christus in die Welt kommt, sondern durch die Impfung? Oder muss das Christkind erstmal geimpft sein, um Retter sein zu können? Vielleicht hatten ja Ihre Illustratoren sogar im Sinn gehabt, den Impfstoff anstelle (!) des Christuskinds in die Krippe zu legen (und sich vielleicht nur nicht getraut).

Nun könnte man das noch als Entgleisung einer Bildredaktion durchgehen lassen, die sich bei religiösen Themen verhebt oder einfach nur provozieren will. Aber Impfen als „Akt der Nächstenliebe“ zu bezeichnen, wie Sie es im Titel tun, ist hochgradig manipulativ: Hier wird eine Frage der Gesundheitspolitik religiös aufgeladen und mit einem impliziten moralischen Imperativ versehen. Wir erinnern uns: Im Frühjahr wurde noch um „Solidarität“ geworben, nun geht es um „Nächstenliebe“ – beides hat vor Corona weder in der Sozial- noch in der Gesundheitspolitik eine nennenswerte Rolle gespielt.
 
Christian Nagel, St. Märgen.

Es antwortete mir der Chefredakteur:

Sehr geehrter Herr Nagel,
Ihre kritischen Zeilen mit Mail vom 31.12.2020 haben mich erreicht.
Es tut mir leid, dass Sie der Titel, den wir in dieser Woche für den STERN gewählt haben, verärgert hat. Ich danke Ihnen für Ihre ehrliche Zuschrift, denn Ihre Meinung ist mir wichtig. 
Bitte seien Sie versichert, dass uns nichts ferner liegt und lag, als die religiösen Gefühle unserer Leserinnen und Leser zu verletzten. Ich bitte Sie deshalb um Entschuldigung, dass dieser Eindruck offenbar entstanden ist!
Lassen Sie mich dennoch kurz erläutern, welcher Gedanke uns bei der „künstlerischen Freiheit“, die wir uns herausgenommen haben, geleitet hat: Die Gleichsetzung einer der Gaben der Drei Könige (in diesem Fall: die Krone) mit dem Impfstoff erschien uns als eine Verbildlichung der aktuellen Situation, gerade jetzt zu Weihnachten: Der Impfstoff kommt über die Menschheit und gibt ihr wieder Hoffnung. Das Impfen wird zu einem Akt der Nächstenliebe. So haben wir es in unserer Titelgeschichte in dieser Woche hergeleitet, weil wir der Meinung sind, dass das Impfen das einzige Mittel ist, um wieder Herr der Lage zu werden. 
Ich hoffe, dass Sie dennoch dem STERN gewogen bleiben 
und wünsche Ihnen ein gutes und gesundes neues Jahr.
Mit herzlichen Grüßen,
Florian Gless
STERN-Chefredakteur

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