(Dieser Text erscheint als „Standpunkt“ in der März-Ausgabe der Chorzeit)

Dafür, Kultur zu schließen, sollte die Politik überzeugendere Begründungen geben müssen, als dafür, sie wieder zu öffnen. Und sie muss Perspektiven für die Zukunft des Chorsingens bieten

Wir müssen reden

Nach fast vier Monaten Kultur-Lockdown (und weiteren, ohne Ende in Sicht) habe ich mich gefragt: Nun haben wir uns fast ein ganzes Jahr eingeschränkt – und wir waren wirklich brav! –, aber sollten wir nicht mit Perspektiven ins Jahr 2021 gehen? Wo bleiben die Zukunftsaussichten – auf ein Wiederaufleben der Geselligkeit, auf das Erlebnis, gemeinsam zu singen, auf Konzerte, das Wiedersehen mit unserem Publikum …?

Es verwundert mich, dass so wenig über Perspektiven gesprochen wird. Während in immer schnellerer Taktung Maßnahmen verkündet werden, fehlt es an Weitsichtigkeit. Wo die zu finden ist, bezieht sie sich vor allem auf Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit – die Felder, mit denen die Politik aktuell ihren Wahlkampf bestreitet. Man muss schon eine Weile suchen, um Formate zu finden, in denen Kultur eine Rolle spielt.

Die Entscheidung, Chorsingen per Verordnung zu verbieten, hat ja nicht ein Virus getroffen, sondern die von uns gewählten PolitikerInnen. Nun müssen diese sich auch fragen lassen, was sie zu tun gedenken, damit das Chorwesen – immerhin zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland – eine Zukunft hat.

Die Antworten sind so dürftig wie die Überbrückungsgelder. Denn es genügt nicht, mit Hilfszahlungen – die mehr der Beruhigung dienen, als dass sie wirklich helfen – diejenigen zu vertrösten, die von den Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht sind. Denn selbst wenn morgen wieder alles vorbei sein sollte, sind die Strukturen kulturellen Lebens bereits stark geschwächt. Zudem ist fraglich, ob die ZuschauerInnen sofort wieder strömen, und wir können jetzt schon nachrechnen, ob sich unsere auf Livekonzerte ausgerichteten Geschäftsmodelle noch finanziell tragen.

Kultur gehört nach dem Grundgesetz zu den „freiwilligen Leistungen“ des Staates. Der hat keinerlei Verpflichtung, Kunst und Kultur zu fördern. Die Rechnung dafür werden wir präsentiert bekommen, wenn die zur Pandemiebewältigung aufgenommene Neuverschuldung in Form von Kürzungen und Steuererhöhungen von uns zurückgefordert wird. Dann schlägt die Stunde der Wahrheit: ob Kultur nur als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen wird, der durch andere ersetzt werden kann, oder als sinn- und identitätsstiftend.

In den Kategorien der Politik zählt die Kultur seit 2020 offiziell zum Unterhaltungssektor, auf den unter katastrophischen Bedingungen leider verzichtet werden muss. Auch in den Publikationen des Weltwirtschaftsforums wird sie stets unter „media, arts and entertainment“ eingereiht. Nun lassen sich etwa Filme prima und sogar gewinnbringend digitalisieren, Chorgesang aber eben nicht, und mit Streaming lässt sich in unserem Bereich absolut überhaupt nichts verdienen. Und wenn wir dann noch mit Netflix und Amazon konkurrieren sollen, haben wir absolut keine Chance.

Ich will hier nicht pauschal digitale Technologie verdammen, sondern auf einen wichtigen Unterschied hinweisen: Es gibt eine Digitalität, die nützlich und segensreich ist, und einen Digitalismus als Ideologie, die einen totalitären Machtanspruch verkörpert. Ich nutze selber digitale Hilfsmitteln in meiner Chorarbeit, und digitales Proben kann eine sinnvolle Notlösung sein. Was aber, wenn der Notstand kein Ende nimmt, und wir indirekt dazu beitragen? Indem wir unsere Bereitschaft zeigen, alles digital zu machen, könnten wir sogar den Eindruck vermitteln, dass wir gut zurechtkommen und es keinen Handlungsbedarf gibt.

Kultur findet in ihrem Kern weder in virtuellen noch in physischen Räumen statt, sondern in Seelenräumen. Und so sehe ich die eigentliche Gefahr in dem Welt- und Menschenbild, das zunehmend in den Vordergrund drängt: dass wir denken, wir könnten (und müssten) alles mit Hilfe von Wissenschaft und Technik unter Kontrolle bringen – Testen, Tracken, Impfen, Lockdowns, Verhaltensmanagement. Darin offenbart sich ein technizistisches und materialistisches Weltbild, dass zutiefst reduktionistisch ist: Seelische Räume und Räume für Sinnfragen kommen nicht vor. Chorgesang übrigens auch nicht.

Ich glaube nicht, dass Kultur systemrelevant ist. Jedenfalls ist es nicht ihre Aufgabe, einem System zuzuarbeiten, sondern sie sollte in größeren Kategorien und Zeitläufen denken und leben können. Darum müssen wir als Kulturschaffende auch nicht alles gut finden, was die aktuelle Regierung tut. Es ist sogar viel eher nötig, dass wir unsere Stimme erheben und deutlich machen, dass unsere Gesellschaft verarmt (und verroht!), wenn sie nicht mehr die Möglichkeit hat, Kultur zu leben und zu teilen. Und dass es überzeugendere Begründungen dafür geben muss, Kultur zu schließen, als sie wieder zu öffnen.

Nochmals: Die Entscheidung, Kultur in den Lockdown zu schicken, hat nicht das Virus getroffen, sondern die Regierung. Und wir als Kulturschaffende können fordern, diese Entscheidung zu überdenken. Ich möchte ein paar Perspektiven einbringen, über die in Chören, Vereinen und Verbänden nachgedacht werden kann:

* Warum kehren wir nicht zu unserer Praxis vor dem Lockdown zurück? Proben und Aufführungen mit Hygienekonzepten haben sich als wirksam erwiesen, und der öffentliche Raum war nicht der Ort, wo massive Ansteckungen stattgefunden haben. Fordern wir die Wiederaufnahme des Proben- und Konzertbetriebs mit Hygienekonzepten!

* Man hat uns politisch darauf eingestimmt, dass es eine Normalität erst geben kann, wenn die Impfung da ist. Nun ist sie da, aber was bedeutet das? Können wir erst wieder im Chor singen, wenn alle (ohne Ausnahme) geimpft sind? Wollen wir die Vorlage eines Impfausweises zur Bedingung machen, unsere Veranstaltungen besuchen?

* Wollen wir wirklich, dass sich unser Chorwesen zu großen Teilen in die Digitalität zurückzieht? Welche Alternativen gibt es, und wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Sollte nicht mindestens jedes Vereinslokal mit einem Breitbandanschluss ausgestattet werden?

Es kann sein, dass manche befürchten, die Gesellschaft mit solchen Fragen zu spalten. Aber die Gesellschaft wird nicht heiler dadurch, dass man notwendige Debatten unterbindet. Von getrennten Paaren hört man immer wieder, dass ihre Trennung ab dem Zeitpunkt unausweichlich wurde, ab dem sie aufhörten, miteinander zu reden. In diesem Sinne freue ich mich über Kommentare, Widerspruch und konstruktive Kritik.

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