Wir müssen reden. Denn wenn wir das nicht tun, und nur abwarten, bis uns jemand sagt, dass wir wieder singen dürfen, können wir an jenem fernen Tage ja mal durchzählen: Wie viele Chöre gibt es noch? Wie viele Sängerinnen und Sänger haben wir noch? (Und ich meine damit nicht, wer noch am Leben ist, sondern wer sich wieder traut, im Chor zu singen.)

Ein Rückblick auf das vergangene Jahr macht deutlich: nach einem kurzen und heftigen Schock im Frühjahr, schnellen und hilflosen Maßnahmen, einer kurzen Episode der Hoffnung und jeder Menge Kreativität, ist das Kultur- und Vereinsleben in einem Fortsetzungs-Lockdown gefangen. Eine große Sprachlosigkeit scheint sich breitgemacht zu haben. Und genau darum müssen wir reden.

Ich habe in den letzten Tagen versucht, das Thema der „Pandemie“ aus einer ganzheitlichen Perspektive zu betrachten. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die politischen Maßnahmen allesamt sehr einseitig – nämlich wissenschaftlich-materialistisch – darstellen: Testung, Fallzahlen, Verhaltensmanagement, Tracking-App, Impfstoff etc. Worüber man wenig erfährt, sind systemische Maßnahmen: Verbesserung der Luftqualität, Reduktion der Umweltgifte, mehr Schutz für Wildtiere, Unterstützung des Gesundheitswesens (höhere Löhne, Verbot der Gewinnorientierung) usw. Ebenso wenig ist zu hören über soziale Gerechtigkeit, die diesen Namen verdient – an der Krise profitieren vor allem die Superreichen aus der Finanz- und Digitalwirtschaft, dagegen sind die Mittelschicht und vor allem die Armen in aller Welt am schwersten getroffen. Schließlich könnte man sanfte Maßnahmen zur Immunstärkung empfehlen, etwa durch Naturheilkunde, gesunde Ernährung, Bewegung und … Singen!

Viren gehören seit jeher zu unserer natürlichen Umwelt, sie waren lange vor uns da, sie sind milliardenfach um uns und in uns. Sie sind nicht unsere Feinde, die wir bekämpfen müssten, noch trachten sie danach, uns zu vernichten. Wir müssen uns vor ihnen nicht fürchten. Sie werden erst dort zu einem Problem, wo sie aus ihrer angepassten Umgebung heraus gerissen werden und (z.B. durch Umweltgifte, Luftverschmutzung und Zerstörung natürlicher Lebensräume) auf geschwächte Systeme treffen. Diese Probleme können nur gelöst werden, wenn sie nicht isoliert betrachtet und behandelt werden.

Statt dessen sollen wir uns erstmal von einander isolieren. Dies erscheint mir wiederum aus einer ganzheitlichen Perspektive fragwürdig: wenn es nur um physisches Abstandhalten ginge, könnten wir eine Weile damit leben, tatsächlich sollen wir uns laut gängiger Narrative an soziale Distanzierung gewöhnen. Die Gesellschaft spaltet sich, und zwar nicht deswegen, weil wir nun mal unterschiedliche Sorgen und Ängste haben, sondern weil wir verlernt haben, uns darüber verständnisvoll und einfühlsam auszutauschen (wobei die Medien eine unrühmliche Rolle spielen). Ich glaube aber, dass wir deshalb erst recht wieder reden müssen – respektvoll und angstfrei.

Der Gefahr der Spaltung wirkt bereits in unsere Vereine hinein: schon im Sommer wurde Kritik laut, dass es zu früh für einen Neustart sei, man „spalte den Chor“ oder setze gar „Leben aufs Spiel“. Andere waren froh und dankbar, dass es wieder losgehen konnte, aber immer in Sorge, die anderen auszuschließen, die sich noch nicht trauten.

Es hilft alles nichts – wir müssen darüber reden, um nicht nur die Gegenwart zu verwalten, sondern auch die Zukunft zu gestalten. Die gute Nachricht: in den vergangenen Monaten konnten wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, welche Maßnahmen unseren Chören und Vereinen helfen können, ihre Arbeit fortzusetzen. (…)

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