Heute, vor genau 81 Jahren startete in Konstanz vom Peterhausener Bahnhof ein Güterzug. Seine „Fracht“ bestand aus 112 Konstanzer Juden, sein Ziel war das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen in Frankreich. Von dort aus ging es dann für viele weiter in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor.

An eben diesem Petershausener Bahnhof, der seinerzeit Ausgangspunkt der Deportation war, fand heute die feierliche Enthüllung eines Mahnmals statt. Angeregt von der Initiative Stolperstein zogen SchülerInnen mit Namenstafeln der 112 Deportierten durch die Stadt. Auf der Schlusskundgebung sprachen Angehörige der Lagerinsassen, SchülerInnen, der Kulturbürgermeister, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde.

Ich hatte die Ehre, gemeinsam mit der Sopranistin Inga Schäfer und KollegInnen der Südwestdeutschen Philharmonie die Feier musikalisch zu gestalten. Dafür habe ich Lieder arrangiert, die aus der Feder ehemaliger Lagerinsassen von Gurs stammten, u.a. des Wiener Komponisten Leonhard K. Märker. Unter den Deportierten finden sich nicht wenige prominente Namen: auch Hannah Arendt soll kurzzeitig in Gurs interniert gewesen sein.

Dass es im Dritten Reich gesellschaftliche Praxis wurde, seine eigenen Mitbürger zu denunzieren und zu verraten, was zur Verhaftung und Deportation von Juden führte – und dass auf die Internierungslager meist das Vernichtungslager folgte -, all das habe ich in der Schule gelernt.

Es fühlte sich jedoch nochmals gänzlich anders an, sich über einen längeren Zeitraum künstlerisch mit unserer noch relativ jungen Zeitgeschichte auseinanderzusetzen.

 

Das Mahnmal

Das Mahnmal besteht aus zwei Teilen: einem Sockel aus Cortenstahl, der das hebräische Wort „Chai“ (Leben) abbildet, und einer Taube aus Bronze. Das Zeichen „Chai“ (Leben) steht für die Lebensgeschichten der aus Konstanz deportierten Jüdinnen und Juden; die Taube steht im Judentum für Hoffnung und Zukunft und symbolisiert das jüdische Volk. Im Christentum und universell ist sie als Friedenstaube bekannt.

Am Fuß des Mahnmals steht eine Inschrift mit einem Spruch von Max Mannheimer, der sich als Appell an die heutige Nachwelt liest:

„Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

 

Damals und heute – vergleichen, ohne gleichzusetzen

Diesem Satz eines Holocaust-Überlebenden kann man nur zustimmen. Die Frage ist nur: Tun wir auch wirklich alles dafür, dass es nicht mehr geschieht? Ich wundere mich in diesen Tagen oft, wie alltäglich und salonfähig das Denunzieren und Ausgrenzen von Mitbürgern (wieder?) geworden scheint. Natürlich geschieht dies unter völlig anderen Vorzeichen und zu einem scheinbar guten Zweck – etwa der Eindämmung des Coronavirus -, aber es offenbart psychische Strukturen unserer Gesellschaft, die mir unheimlich sind.

 

Kann man solche Vergleiche anstellen?

Ja, denn Vergleichen bedeutet nicht Gleichsetzen. Was heute passiert und allgemein als „Spaltung der Gesellschaft“ wahrgenommen wird, ist keinesfalls gleichzusetzen mit dem, was jüdischen Menschen von ihren Mitbürgern angetan wurde, aber dennoch vergleichbar, wenn man die Gefühlskälte verspürt, mit der es auch heute begleitet ist.

Der Rabbiner wies in seiner Ansprache darauf hin, dass es nicht genügt, dass ein funktionierendes Rechtssystem nicht genüge, wenn denjenigen, die regieren, die Gottesfurcht fehlt. Denn dann schrecken sie möglicherweise nicht davor zurück, die Gesetze und Verordnungen, die für den Menschen gemacht sind, auf unmenschliche Weise anzuwenden. So geschah es während der NS-Zeit. Sind wir heute wirklich völlig davor sicher, dass es nicht wieder geschieht?

 

Und die Lager? Haben wir sie wirklich überwunden?

Es ist leicht, sich über China zu empören, wo aktuell geschätzte 1 Million Uiguren in der Provinz Xinyang in sogenannten „Bildungszentren“ (wir würden sie Umerziehungslager nennen) interniert sind. Gleichzeitig plant die Kommunistische Partei, eine Mehrheit der Han-Chinesen dort anzusiedeln, um die „Bevölkerungsqualität“ zu erhöhen. Aber das ist ja nicht unsere Politik, nicht unser System. Oder doch?

In Australien, einem Land, das sich zur „westlichen Welt“ zählt und demokratische Werte teilt, sind derzeit Tausende in „Quarantänelagern“ interniert. Bei dem Versuch, das Coronavirus vollständig auszurotten („No Covid“-Strategie), greift die australische Regierung zu Maßnahmen, die ich in einem weltlichen Land niemals für möglich gehalten hätte.

Auch in den USA wird zurzeit händeringend nach genügend Sicherheitspersonal gesucht, um vergleichbare Quarantänelager zu betreiben und zu überwachen.

Wer nun denkt, dies könne in Deutschland – mit unserer Geschichte – niemals geschehen, sei an die Äußerungen des Baden-Württembergischen Innenministers Thomas Strobl (CDU) erinnert, der schon im Herbst 2020 Zwangseinweisungen für Quarantänebrecher gefordert hat (zu diesem Zweck wurde eine alte Lungenklinik in St. Blasien angefragt…).

Und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), der offenbar derselben Risikogruppe angehört, fordert als Landesvater seine Mitbürger dazu auf, doch mehr „aufeinander aufzupassen“ (oder meint er: mehr zu denunzieren?), und äußert, an die Adresse der „Impfverweigerer“ gerichtet, in guter katholischer Tradition, man müsse da „die Daumenschrauben anziehen“.

Ich frage mich, wie das sein kann. Dass wir in diesem unserem Lande, mit seiner beispiellosen Geschichte kollektiver Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch nur auf die Idee kommen können, es könnten 80 Jahre nach Gurs und 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wieder Lager auf deutschem Boden errichtet werden. Ist denn die Geschichtsaufklärung bei diesen Herren nicht angekommen?

Auch wenn sich eine Gleichsetzung solcher Verirrungen mit dem Wahn der Nationalsozialisten von vornherein verbietet: Sollte der Vergleich gesellschaftlicher Mechanismen, die in vielen winzigen Schritten dazu geführt haben, ein Volk komplett gegen eine ausersehene Minderheit aus den Reihen ihrer Mitbürger zu kehren, um diese der Vernichtung preiszugeben, ausgeschlossen sein?

Das wäre schlimm, denn dann hätten wir gar keine Möglichkeit, unsere Verantwortung zu tragen, dass etwas Vergleichbares wie vor 80 Jahren hierzulande NIE! wieder geschieht.

 

Nicht zu vergessen: Es gibt noch Flüchtlingslager…

Keinesfalls vergessen dürfen wir neben den Umerziehungslagern Chinas und Quarantänelagern Australiens die elendigen Flüchtlingslager an den EU-Außengrenzen, mit denen wir uns jene Menschen vom Leib halten, die nicht zuletzt aufgrund unserer ungerechten Wirtschaftspolitik in ihrer Heimat keine Perspektive haben. Es sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass unsere „Entwicklungshilfe“ ihren Namen nicht verdient (im Gegenteil, jeder Euro, der z.B. in Afrika investiert wird, kommt doppelt zurück). Die Knebelverträge der EU (die dort offene Märkte fordert, während sie die hiesigen abschottet), sowie die Zwangsregimes von Weltbank und IWF sorgen dafür, dass die Abhängigkeit von Dauer ist.

Der Philosoph Slavoj Zizek bezeichnet jene Menschen, die aus einem Anflug von Menschlichkeit heraus Flüchtlinge willkommen heißen, als „schöne Seelen“ – was vermutlich heißen soll, dass sie ihr Gewissen möglichst reinhalten möchten, indem sie unrealistische Forderungen stellen. Für unrealistisch halte ich vielmehr, dass sich die Entscheider in Wirtschaft und Politik noch vom Leid und Elend der Flüchtlinge anrühren lassen.

Für alle, die noch nicht völlig abgestumpft sind, sehe ich es dagegen als geboten an, das Internieren von Flüchtlingen in Lagern nicht für gegeben hinzunehmen (etwa mit dem Nebengedanken, sie seien „selbst schuld“, dass sie sich auf den Weg gemacht haben), sondern die Existenz dieser Lager zum Anlass zu nehmen, die tieferen Ursachen zu hinterfragen und Missstände anzuprangern. Denn diese Lager sind, obwohl sie nicht auf deutschem Boden stehen, auch unsere Lager.

 

Diskriminieren? Wir doch nicht!

Es wundert mich, dass dieselben Leute, die in Bundestags- und Sonntagsreden – zu Recht – gegen Antisemitismus und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen anderer Hautfarbe und sexueller Orientierung wettern, im gleichen Atemzug den Ausschluss Ungeimpfter vom gesellschaftlichen Leben fordern. In Hessen und Niedersachsen wird jetzt Lebensmittelhändlern ermöglicht, die 2G-Regel einzuführen – was nichts anderes bedeutet, als dass Ungeimpften die Nahrungsmittelversorgung verwehrt wird.

Es ist schlimm genug, dass den Strobels, Kretschmanns, Söders, Bouffiers und Weils ihre gedanklichen Inkonsistenzen nicht aufzufallen scheinen. Wir könnten ihnen zugutehalten, dass sie nur dem Wählerwillen folgen. Dies würde jedoch bedeuten, dass die Medien ganze Arbeit geleistet haben: Sie haben offenbar ein Klima geschaffen, in dem ein Teil der Bevölkerung so sehr gegen einen anderen aufgehetzt wird, dass Politiker kaum mehr dagegen anregieren können. Dies ist jedoch die freundliche Auslegung. Es könnte auch ganz anders sein: dass diese Gedanken ihrer tiefsten Überzeugung entsprechen. Dann wird die Geschichte in Zukunft ein vernichtendes Urteil über sie fällen.

 

Schlussfrage: Hat die ganze Geschichtsaufklärung etwas genützt?

Schon heute ist mir schleierhaft, wozu diese gut gewesen sein soll, wenn im Fall der Fälle wieder Lager entstehen – auf deutschem Boden unter deutscher Mitwirkung.

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