Für eine künstlerische Nutzung der künstlichen Intelligenz

Am 9.10. 2021 wurde in der Hamburger Elbphilharmonie Beethovens „Zehnte“ („Beethoven X“) uraufgeführt. Wie jeder weiß, kam der geniale Komponist nur bis zur Neunten, zu seiner 10. Symphonie existieren lediglich Skizzen und Entwürfe. Diese wurden nun, mithilfe Künstlicher Intelligenz unter menschlicher Mitwirkung durch ein internationales Team von Musikwissenschaftlern, Produzenten und Programmierern, sowie finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Telekom, zu Ende komponiert und in genannter Uraufführung einem erlesenen Publikum vorgeführt.

Nun war bereits bekannt, dass Künstliche Intelligenz in der Lage ist, ganz passable Filmmusik zu komponieren. Aber Beethoven? Einer der größten Komponisten aller Zeiten, und wohlgemerkt einer, dessen humanistisches Weltbild in zahllosen Briefen und musikwissenschaftlichen Büchern dokumentiert ist. Mir will es scheinen, als sollte gerade dieses Weltbild durch die Aktion der Deutschen Telekom herausgefordert – vielleicht sogar angegriffen? – werden.

In der zwischen Uraufführung von Beethoven-KI und Beethovens Achter platzierten Gesprächsrunde wurde dies offen angesprochen. Man gestand der Technik einen Achtungserfolg gegenüber dem menschlichen Genius zu. Der Generalmusikdirektor des Beethoven-Orchesters, Dirk Kaftan, ließ keinerlei Zweifel an der musikalischen Qualität des KI-Werks aufkommen: „Das ist kein Beethoven“. Ebenso klar widersprach er den anwesenden Programmierern, als diese im weiteren Verlauf des Gesprächs darüber fantasierten, wie die KI sogar Beethovens Liebeskummer zu erfassen und musikalisch darzustellen in der Lage wäre.

Mensch und Maschine werden Brüder?

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Timotheus „Tim“ Höttges, wagte sogar die visionäre Behauptung, „Mensch und Maschine werden Brüder“ – eine plumpe Referenz an den Schlusschor der Neunten mit Schillers „Ode an die Freude“, in der es heißt: „Alle Menschen werden Brüder“…

Nun, ich würde es vorziehen, fürs Erste daran zu arbeiten, dass alle Menschen Brüder (und Schwestern) werden, bevor man die Maschinen mit einschließt. Aber wenn es schon sein muss – und „Es muss sein!“ (ein viel gequältes Beethoven-Zitat) -, dann ist mir eindeutig lieber, die Verbrüderung findet auf dem Gebiet der Schönen Künste statt als auf militärischem Gelände.

Dass auch auf Letzterem mit den Segnungen der KI gearbeitet wird, zeigt ein äußerst beunruhigender UN-Bericht über die militärischen Forschritte der KI. So wurde in Libyen im März 2020 erstmalig ein menschlicher Soldat von einer autonomen Kampfdrohne gejagt und angegriffen. So genannte Letale Autonome Waffensysteme (LAWS) entscheiden ohne menschliches Zutun über militärische Aktionen und die damit verbundene Tötung von Menschen.

Dass solche Waffensysteme noch nicht längst verboten sind, scheitert bislang nicht nur am Widerstand der Russen und Chinesen, sondern auch der USA und Deutschland – obwohl die aktuellen Koalitionsverträge sich eigentlich deutlich dagegen positionieren. Wie kann so etwas sein?

Kann es daran liegen, dass die Systemkonkurrenz nicht mehr zwischen Russland und USA, sondern zwischen USA und China, und nicht mehr mit Hilfe von Atomwaffen, sondern auf dem Gebiet der KI-Forschung ausgetragen wird? Dies legt eine Analyse von Eric Schmidt aus dem Jahr 2019 nahe, der nach seiner Zeit als CEO von Google zu einem der wichtigsten strategischen Partner des US-Militärs avanciert ist. Ob er seinem Slogan von 2011, „Don’t be evil“, treu geblieben ist?

Zurück zu Beethoven.

Man kann über die Sinnhaftigkeit solcher Unterfangen, wie etwa eine Beethoven-Symphonie zu vollenden (oder weitere zu komponieren?), trefflich debattieren. Projekte dieser Art sind nicht nur sündhaft teuer, sie verbrauchen auch unfassbar viel Energie und sind damit alles andere als klimaneutral. Jedoch ist es mir allemal lieber, die KI komponiert Symphonien, Streichquartette und Sonaten, als dass sie Menschen jagt und tötet.

Also: Bitte weitermachen! Mit der 11. von Beethoven (oder von Mahler), der 42. von Mozart, der 109. von Haydn … und so weiter und so fort. Wir müssen die so genannten Werke nicht einmal aufführen. Da zu vermuten ist, dass die KI weniger empfindlich ist als ihre Erfinder, wird sie auch nicht beleidigt sein, wenn wir ihre Produkte gar nicht erst anhören. Hauptsache, wir halten sie beschäftigt und davon ab, Schaden anzurichten.

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